Ausschnitt aus der Tageszeitung "Aus dem Kreisgebiet" 1964

Helscher Fähre - ihre Geschichte und Bedeutung
(von August Jost, Westendorf)

Eine Zusammenstellung nach alten Aufzeichnungen, Chroniken, heimatkundlicken Büchern, aus Aktenbündeln über die "Helischer Fehre" im Besitz des Staatsarchivs Münster, des Prinzen von Looz-Corswaren auf Schloß Bentlage und des Fährhauses selbst.

Die Ems war als Transportweg schon in uralter Zeit von Bedeutung. Auf Pünten mit geringem Tiefgang gelangten Sandsteinplastiken und Holz für den Haus- und Schiffsbau schon im 12. und 13. Jahrhundert aus der Grafschaft Bentheim vom Helscher Fährhaus nach Norddeutschland. Die „Hellischer Fehre“ wurde zu einem bedeutenden Umschlagplatz für viele Güter.
Die Fähre war in Ermangelung einer Brücke eine ständige Einrichtung zur Beförderung von Lasten und Personen. Bei der hier gemeinten Fähre handelte es sich um eine Kettenfähre. Quer über die Ems und die Niederung war von der südlichen Giebelseite des Fährhauses aus eine sogenannte „Scharkette“ gespannt, woran das Fährschiff über das Wasser lief. Mit Hilfe einer Winde ließ der Fährknecht die Kette ins Wasser, sobald ein Schiff die Fährstelle kreuzte. Für diese Arbeit musste ein Kettengeld bezahlt werden.

Bei Niederwasser im Sommer wurde die Fähre nur in Ausnahmefällen gebraucht. Für gewöhnlich vollzog sich in dieser Jahreszeit der Fußgängerverkehr über eine Schiffsbrücke, die aus Bohlen und zusammengefügten Schiffen im schmalen Flussbett gebildet wurde. Pferdewagen und Vieh benutzen die Furt.
Bei großer Hochflut, wie wir sie noch im Jahre 1946 erlebten, konnte die weite Stromniederung vom Hundepohl bis zur Helscher Seite nur mit Booten überquert werden, was nicht ganz ungefährlich war.,
Der Fürstbischof von Münster besaß um 1300 in Helschen das „Haus zur Vehre“. Die Wege musste von den Vollerben des Kirchspiels Emsbüren ständig in Ordnung gehalten werden : „Wege und Stege to betern und anders gehorsamlick to doene.“ Vor allem ging es dabei um die Instandhaltung des breiten Fuhrweges, der von Holland über Bentheim und Gildehaus sowie Nordhorn über Engden-Drievorden-Berge-Emsbüren und Leschede zur Ems führte. In der Gemarkung Berge kann man heute noch dem alten Weg nachspüren.
Alles, was den Landweg von Westen nach Osten und umgekehrt passierte, wurde mit der Fähre übergesetzt, wofür Fährgeld entrichtet werden musste. So zahlte man für Wagen mit zwei Pferden 1 Stüber brabant, für Wagen mit einem Pferd einen halben Stüber, eine erwachsene Person musste einen Pfennig bezahlen. (9 Pfennig gleich 1 Stüber, 20 Stüber gleich 1 Gulden.)

Güter aus aller Herren Länder
Umfangreich und vielfältig waren die Güter, die die Fähre von einem Ufer an das andere beförderte: rheinische, französische und spanische Weine, englische, hamburgische und lübeckische Biere, Brandwein aus Weizen und Buchweizen, Flachs und Wolle, Honig in Fonnen und Wachs für Kerzenmacher.

Die Zeit kennt keinen Stillstand
Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Von 1300 bis 1500 nahm die Dichte der Besiedlung immer mehr zu. Die Halberben schoben sich zwischen die Vollerben, das Handwerk blühte auf, und Handel und Verkehr breiteten sich aus. Die Deutsche Hänse entfaltete ihre Kräfte zur Verbesserung der Verkehrswege zu Wasser und zu Lande und die Landesfürsten schlossen sich diesen Bemühungen an. Schon im Jahre 1522 ließ Graf Nikolaus das Flussbett der Ems begradiegen

Geschütze, Munition und Proviant
Das Fährhaus lag am hohen Emsufer völlig frei – ohne jeglichen Schutz gegen Wind und Wetter. Gern nutzen die Schiffe bei hohem Wasserstand im Herbst und Frühling den frischen Nordwind, der die Segel blähte und die Staker in ihrer schweren Arbeit unterstütze. Sie kamen meist nicht einzeln, sondern im Verband zu dreien oder mehr, um sich notfalls beistehen zu können, z.B. beim Auflaufen auf eine Sandbank oder zum Schutz gegen räuberische Überfälle in unsicheren Zeiten.

„Bei der Belagerung der Stadt Lingen  durch Moritz von Oranien erschienen am 2. November 1597 zehn Schiffe von Emden. Sie brachten Geschütze, Munition und Proviant mit für die Belagerer. Am 9. und 10. November kamen noch andere durch widerwärtigen Wind aufgehaltene Schiffe dazu“, heißt es in einem Dokument. Solche Verbände kamen auch bis zum Helscher Fährhaus und weiter bis nach Rheine. Doch aus den unuhigen Jahren das Dreißigjährigen Krieges wird wenig berichtet.

Versuche zur Hebung des Schiffsverkehrs
Inder Festschrift zur Eröffnung des Dortmund-Ems-Kanals im Jahre 1895 (Regierungsrat Oppermann) heißt es: „Da die Ems in früheren Zeiten, beim Mangel von Straßen und Eisenbahnen, allein den Verkehr zwischen Westfalen und Ostfriesland einschließlich der dazwischen liegenden Landstriche vermittelte, so wurde Bedacht darauf genommen, ihre Schiffbarkeit zu verbessern. Im Mai 1685 wurden zu Meppen zwischen kurfürstlich-brandenburgischen, fürstlich-münsterschen, ostfriesisch-ständischen und städtisch-emdischen Bevollmächtigten Beratungen gepflogen über eine bessere Schiffbarmachung der Ems von Emden bis Rheine und womöglich bis Münster.“
Das Ergebnis war ohne jede größere Bedeutung, da der Bischof von Münster bald einen anderen Plan verfolgte.

Viele Eichen wurden gepflanzt
Für das Fährhaus aber wurde die Holzwirtschaft im Kreise Bentheim von Bedeutung. Die bäuerlichen und gewerbliche Wirschaft brauche laufend Holz für Geräte, Haus-, Brücken- und Schiffsbauten, besonders aber auch Brennholz. „Der waldarme Norden schrei nach Holz“, wie in alten Unterlagen zum Ausdruck kommt.
In den Mittelpunkt der Waldpflege rückte schon im Mittelalter die Eiche, die Justus Möser die „heilige“ nannte. Der Wald war während des Dreißigjährigen Krieges dem Raubbau zum Opfer gefallen. Die Bentheimer Gutsherren verpflichteten daher streng ihr Pächter und Bauern zur Anpflanzung von Eichen. Jeder Althof zeigte bald einen Kranz von Hofeichen, untermischt von Hülsenbüschen (Ilex aquifolium).
Unweit vom Fährhaus liegt der Hof Keutz-Staelberg. Auch dieser Hof – in einer weiteren Folge dieses Berichts wird hierüber noch zu sprechen sein – wurde von großer Bedeutung für den Fährpächter.

Der Verkehr an dem Fährhaus muß bereits am Ausgang des 17. Jahrhunderts sehr umfangreich gewesen sein; zahlte doch der Pächter ab 1698 jährlich 300 Reichstaler Pachtzins an den Bischof von Münster. Das war bei der damals herrschenden Armut hervorgerufen durch die schrecklichen Kriegszeiten, eine unvorstellbar hobe Summe, so dass  man unwillkürlich zu der Frage kommt: Wie konnte der Pächter diese vielen Taler überhaupt aufbringen?

Die Erklärung dieser frage bleibt einem weiteren Bericht vorbehalten